Ausstellung: Von Fußball und anderen Göttern

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„Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!“ Die Worte des Sportreporters Herbert Zimmermann beim Fußball-WM-Endspiel 1954, bei dem Deutschland seinen ersten Titel holte, sind unvergessen. Und sie waren ein Skandal: Darf ein Fußballer als Gott bezeichnet werden? Welche vielfältigen religiösen Bezüge dieser Sport heute hat, zeigt eine aktuelle Ausstellung.

Teufelskerl, Fußballgott – gleich zwei religiöse Begriffe schrie der Sportreporter Herbert Zimmermann ins Mikrofon, als Toni Turek 1954 in Bern als Torwart wichtige Schüsse abwehrte: Erstmals holte Deutschland damit den Weltmeistertitel. Und erstmals wurde ein Fußballer als Gott bezeichnet. Obwohl sich Zimmermann noch während der Reportage entschuldigte, wurde er zum Intendanten beordert. Selbst Bundespräsident Theodor Heuss meldete sich zu Wort: Bei aller Begeisterung gehe der Begriff Fußballgott zu weit. Der Journalist musste sich beim Intendanten nochmals öffentlich für seine blasphemische Wortwahl entschuldigen. Auch seine Zukunft als Sportreporter wurde infrage gestellt.

Fußball – Glaube, Liebe, Hoffnung

Die Zeiten haben sich geändert. 61 Jahre später sind Fußball und Religion keine zwei Welten mehr. Oder etwa doch? Eine Wanderausstellung, die zurzeit in Basel zu Gast ist, trägt den Titel „Fußball – Glaube. Liebe. Hoffnung„. Die Idee, beide Themen miteinander zu verknüpfen, hatten Museumsbetreiber aus Amsterdam und Basel. Dort war die Ausstellung zuerst zu sehen. Später wandert sie unter anderem weiter nach Bremen und Moskau.

In der schweizerischen Grenzstadt Basel macht schon die Örtlichkeit die Verquickung der Themen deutlich: An der Front der Barfüßerkirche in der Innenstadt ist ein riesiges Banner mit einem Fußball angebracht. Rebecca Häusel, die Kuratorin der Ausstellung, erklärt: „Fußball stiftet Identität, Sinn und Gemeinschaft. Von daher hat er sehr viel mit der Religion zu tun.“ Fußball bestimme den Lebensrhythmus vieler Menschen und der eigene Verein besitze für seine Anhänger häufig Religionsstatus.

„Fußball ist meine Religion“

Bereits die erste Ausstellungstafel zeigt, wie unterschiedlich sich Fußballer an höhere Mächte wenden. Spieler bekreuzigen sich beim Betreten und Verlassen des Spielfeldes, andere richten in der Kabine ein Gebet nach Mekka oder heben nach einem Tor die Hände gen Himmel. Ein Pastor aus Togo hat für die Weltmeisterschaft 2006 eine ebenfalls ausgestellte Skulptur geschaffen, mit der er die Spieler des gegnerischen Teams an Ketten gelegt darstellt. Das sollte diese sinnbildlich schwächen. Genutzt hat es dem Team nichts, es ist in der Vorrunde ausgeschieden.

Mittlerweile haben die damals verpönten Vokabeln Zimmermanns Einzug gehalten in die Sportsprache der Journalisten. Idole und Helden gelten als „begnadet“. In Italien haben Fußball-Verrückte einen Altar für Diego Maradona gebaut, der einmal mit der „Hand Gottes“ ein Tor gemacht hat: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1986 hatte der Argentinier mit seiner Hand ein irreguläres Tor erzielt. Der Treffer zählte. Vor laufenden Kameras sagte er: „Es war ein bisschen die Hand Gottes und ein bisschen Maradonas Kopf.“ Erst im Jahr 2005 gab Maradona zu, den Ball mit der Hand gespielt zu haben. Der Altar, der im Miniaturformat in Basel gezeigt ist, sollte ihm in den Zeiten seiner Drogenabhängigkeit helfen, wieder gesund zu werden. Das Ausstellungsstück hat etwas von einer religiösen Reliquie. Es ist beängstigend, wie sehr Menschen ihn mit einem Gott-Status versehen. Die Ausstellung enthält sogar ein Buch über die Grabstätten wichtiger Fußballprofis. Quasi für den Fan zum Nachpilgern. Die Nachfrage scheint vorhanden zu sein. „Der Büchermarkt für Themen, die Fußball und Religion verquicken, ist ausgesprochen groß“, weiß Kuratorin Häusel.

Sammelbilder der Fußball-Heiligen

Der geneigte Fußballfan kennt die Panini-Sammelalben. Das Museum präsentiert ein spanisches Sammelalbum, in dem die Sportler in Heiligen-Manier dargestellt sind und aussehen wie in Stein gemeißelt. Darin können spanische Fußballfans die Bilder ihrer Lieblinge sammeln. Im katholischen Spanien sei ein solches Projekt eher denkbar gewesen als in Deutschland, erklärt Häusel. Ferner hätten auch viele Stadien etwas Kathedralenhaftes. So hätten die Architekten das Stadion in München so konzipiert, dass die Menschen beim Besuch eines Spiels aus der Stadt führen und den Alltag hinter sich läßen.

Deutlich wird in der 300 Quadratmeter großen Ausstellung, wie sehr Fußball die Generationen verbindet. Vielleicht ein großer Unterschied zu vielen Kirchen, die sich mehr Miteinander zwischen Jung, Alt und denen dazwischen wünschen. Im Fußball stehen unterschiedliche Altersgruppen, Bildungsgrade und Berufe zusammen ein für den „Glauben“ an ihren Verein. Mögliche Trauer- und Gedenkminuten gleichen den Ritualen, die viele christliche Kirchen pflegen. Und dann sind da noch die Rivalitäten der Vereine, die sich entlang der konfessionellen Grenzen hangeln. Prägendstes Beispiel ist wohl die Stadt Glasgow, in der die protestantischen „Rangers“ sich mit den katholischen „Celtics“ duellieren.

Von der Wiege bis zur Bahre

Die Ausstellung arbeitet heraus, wie Fußball Normen und Werte vermittelt. Gerade wenn Fußball in der Sozialarbeit eingesetzt wird, geht es um Teamgeist, Vertrauen in sich und den anderen und Lebensfreude. Besonders deutlich wird auch, dass der Fußballverein in den wichtigsten persönlichen Lebensphasen nicht fehlen darf. Es gibt nicht nur Alltagsgegenstände wie Trikots, Krawatten und Babyflaschen mit dem Emblem des jeweiligen Lieblingsvereins.

Der Verein ist von der Geburt bis zum Tod präsent. Sein Wappen befindet sich auf Windeln und Urnen. Wirklich überzeugte Anhängerinnen von Borussia Dortmund können in einem schwarz-gelben Kreißsaal mit BVB-Emblemen entbinden. In Gelsenkirchen, Hamburg und Amsterdam gibt es für Fans auf den Friedhöfen besondere Areale, die mit Blumen in den Vereinsfarben bepflanzt sind. Der Fan-Friedhof in São Paolo hat 70.000 Bestattungsplätze. Ausgestellt ist auch ein Sarg des holländischen Vereins Twente Enschede, mit dem Fans zur letzten Ruhestätte gebracht werden.

Wo ist die Begeisterung in den Kirchen?

Der religiöse Eifer im Fußball wird in der Ausstellung auch multimedial und interaktiv vermittelt. So können die Ausstellungsbesucher mit einem Mini-Computer ihr Fußballwissen testen. „Das Thema der Ausstellung ist aus unserer Sicht sehr aktuell. Die Hingabe der Menschen zum Fußball in ihrer Freizeit und Lebensplanung berührt und fasziniert“, findet die Kuratorin. Dass die Religion an sich individueller werde, drücke sich auch im Fußball und im Umgang damit aus: „Warum soll Fußball das nicht abbilden?“

Die Ausstellung verdeutlicht Beziehungen zwischen Fußball, Religion und Gesellschaft, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Ob es sich bei Fußball und Religion um zwei Welten handelt? Die Ausstellung will keine Antwort darauf geben, sondern zum Diskurs einladen. Und sie weckt den Wunsch, dass etwas von dieser Begeisterung und der Hingabe beim Fußball auch in den Gemeinden zu spüren wäre.

Start der Wanderausstellung war vergangenen Herbst in Amsterdam, nach Basel geht sie ins Focke-Museum in Bremen, das Stadtmuseum in Lyon, sowie nach Luxemburg und Barcelona. Den Abschluss bildet Moskau anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2018.

Lese-Tipp: Die „Fußball-Bibel“ von David Kadel

(Quelle:Christliches Medienmagazin Pro)

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