Ministerpräsident Ramelow: „Für mich gibt es die Opfergruppe der Christen in der DDR“

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Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow sieht Aufklärungsbedarf bei dem Verhältnis von Kirche und Staat in der DDR und den Folgen bis in die heutige Gesellschaft hinein. Christen seien in der SED-Diktatur „Opfer“ gewesen. Allerdings müsse auch geklärt werden, inwieweit die Kirchen selbst in das „System“ involviert gewesen seien.

Die Äußerung von Thüringens Kultur-Staatsekretärin Babette Winter (SPD), die Christen in der DDR stellten keine besondere Opfergruppe dar, ist in den Kirchen mit großem Unverständnis aufgenommen worden. Die Kirchen fragen: Wie weit ist es um den erklärten Willen der Landesregierung zu echter Aufarbeitung bestellt?

Ramelow: Das Aufklärungsinteresse der Landesregierung in dieser Frage ist eindeutig und nachprüfbar. Ich darf auf die engagierte und wichtige Arbeit der Stiftung Ettersberg verweisen, auf die Dokumentationsarbeit der Landeszentrale für politische Bildung, die Grenzlandmuseen und im Zentrum all dessen die Gedenkstätte in der Andreasstraße, dem früheren Stasi-Gefängnis. In die unterschiedlichen Organisationsaufarbeitungen wollten wir uns bewusst nicht einmischen. Ungefragt schon überhaupt nicht. Die Thüringer CDU hat sich bekanntlich aufgemacht, ihre eigene Geschichte zu erforschen. Das würden wir uns doch nie anmaßen.

Ist die Frage, wie setzt sich die Landesregierung mit diesem Teil der Geschichte auseinander, nicht legitim?

Die Kirchen haben bei unseren regelmäßigen Treffen das Thema nicht als offene Frage angesprochen. Wenn sie jetzt sagen, aber da hat eine Staatssekretärin etwas unglücklich formuliert, ist es an der Zeit sich darüber zu verständigen, über was wir gemeinsam wirklich reden sollten. Einfach zu behaupten, der staatliche Aufklärungswille sei mangelhaft, halte ich für eine sehr interpretatorische Geschichte. Ich teile diese Auffassung ausdrücklich nicht.

Es geht zum Beispiel darum, das viele Christen in ihren Bildungs- und Berufschancen behindert wurden…

…aber genau solche Fragen bearbeiten doch die Stiftung Ettersberg wie auch die Andreasstraße. Deswegen verstehe ich diese pauschalisierende Kritik nicht. Ich bin sehr aufgeschlossen, wenn beide Amtskirchen darüber mit uns sprechen wollen. Ich habe mit genügend Christen in meiner Kirche aber auch in der Andreasstraße zusammengesessen, die mir erzählt haben, wie es ihnen ergangen ist, als sie sich ab den 50er Jahren für die Konfirmation und gegen die Jugendweihe für ihre Kinder entschieden haben. Ich kenne persönlich genügend Menschen, die kirchlich in der DDR engagiert waren, und die mir sehr genau berichten, wie sie schikaniert worden sind.

Aber was ist die Konsequenz daraus?

Wenn die beiden Kirchen mit der Landesregierung darüber reden möchten, wie wir miteinander Projekte aufsetzen können, um diese Biografien genauer zu durchleuchten, um das Systemische darin zu sehen, dann würde ich das gern auf der dafür vorgesehenen institutionellen Ebene in direkten Gesprächen geklärt haben. Nicht über die Zeitung. Allerdings steht dann auch die Frage im Raum, inwieweit die Kirchen selbst in das System involviert waren. Das gehört zur Aufarbeitung dazu.

Fehlt es den Kirchen selbst am Willen zur Aufarbeitung?

Ich erinnere daran, was passierte, als die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann den evangelischen Christen nahe legte, mit den Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi zu reden. Als sie meinte, wir müssen auch vergeben können. Die Aufregung war riesig. Es hat mehrere solche Ansätze gegeben, die allerdings oft auch schnell wieder beendet wurden.

Bilden die Christen in der DDR eine besondere Opfergruppe?

Für mich gibt es die Opfergruppe der Christen in der DDR. Es gibt sie in bestimmten Phasen und auch in unterschiedlicher Stärke. Und ja, es gab später dann auch die umgekehrte Strategie des Umarmens und des Toddrückens. Auch das hat Folgen gehabt. Ich verweise da auf den Erfurter Altpropst Heino Falcke und dessen Aufforderung, genau zu schauen, was mit den Friedensgruppen und den Umweltgruppen passierte. Wer hat sie gefördert, wer hat sie verteidigt – und wer hat sie auch aus der Kirche rausgeworfen? Da gibt es ganze Bruchlinien, von denen ich meine, es wäre spannend, sie genauer zu untersuchen. Dafür bedarf es der richtigen Instrumente, damit die Aufarbeitung nicht instrumentalisiert wird.

Diese Gefahr sehen Sie?

Vor ein paar Wochen geisterte durch die Medien eine christliche Initiative, die Rot-Rot-Grün per se verdammte…

…der offene Brief aus Ilmenau?

Diesen offenen Brief habe ich nie erhalten. Ich habe aus der Zeitung davon erfahren. Diese Form des öffentlichen Knüppelausteilens ist nicht hilfreich und blockiert die Aufarbeitung eher als sie zu fördern.

Was macht den Dialog so schwierig?

Es handelt sich um ein sehr trauriges Thema, das nach einer sehr ernsthaften Betrachtung verlangt. Wenn ich den Fragen nachgehe, wie sich Glauben und Glaubensfreiheit entwickelt haben, wie bitter der Weg war, dann orientiere ich mich an Pfarrer Oskar Brüsewitz. Dass sich dieser Mann am Ende entzündet hat, ist ja auch ein Fanal in Richtung seiner Kirche gewesen. Nicht nur gegen das System, sondern gegen alle, die nicht wissen noch wahrhaben wollten. Und wir wissen, was es für einen Christ heißt, sich selbst zu entzünden und sich das Leben zu nehmen… Das hat mich tief berührt.

Einige nehmen Ihnen diese Haltung nicht ab. Als Ministerpräsident hätten Sie seit Amtsantritt kein Wort des Bedauerns für die Christenverfolgung in der DDR gefunden.

Wenn man ernsthaft einen Dialog will, geht das nicht mit der öffentlicher Anklage, Ramelow soll sein Bedauern ausdrücken. Mein Bedauern als Christ? Mein Bedauern als Westdeutscher? Mein Bedauern als heutiger Ministerpräsident?

Oder als Repräsentant der Partei, die in der Nachfolge der SED steht?

Dann sollte man das auch so sagen. Nein, das ist auch eine Form, wie Aufarbeitung droht, instrumentalisiert zu werden. Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang den Hinweis, dass ich zwar ein bekannter Vertreter meiner Partei bin, nicht aber ihr Repräsentant.

Die Haltung, die Kirchen waren ja selbst mit schuld, ist in Ihrer Partei keine Einzelmeinung.

Der Verlust des Glaubens als Massenerscheinung hat ja auch damit zu tun, dass etwas, dass mit Werten verbunden war, entwertet wurde. Die sehr starke Involvierung der Evangelischen Kirche in das Nazi-System hat der SED unter dem Mythos des Antifaschismus auch die Türen und die Herzen der Menschen geöffnet. Die Konfrontation Jugendweihe gegen Konfirmation hat dann ein Übriges getan. Es war ein wechselseitiger Prozess.

Ein Machtkampf?

Der Umgang mit Christen in der DDR ist Ausdruck des damaligen Machtkampfes zwischen Kirche und Staat. Der Staat hat die Machtkeule geschwungen, um die Kirche klein zu machen. Und irgendwann hat sich die Kirche arrangiert. Ich bin mit großer Sympathie an der Seite derer, die wie Heino Falcke den konziliaren Prozess inhaltlich begleitet haben, die Menschen aufgebaut und die bohrenden Fragen der Zeit in ihren Kirchgemeinden bearbeitet haben. Die den Umweltgruppen die Kirchen als Schutzraum gegeben haben. Und nicht wie der selbst von Stasi Spitzeln umstellte Pfarrer Gauck zur Vorbereitung des Kirchentages in Rostock sehr darauf geachtet haben, dass diese Umweltgruppen sich nicht zu nah darum bewegen.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Offenkundig gab die Antwort, die die Staatssekretärin gegeben hat, Anlass zu Irritationen. Das habe ich verstanden und ich nehme es sehr ernst. Ich sehe das eher als Aufruf zum Dialog denn zu seiner Beendigung.

Die Fragen stellte Dirk Löhr (epd)

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